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David Tzur

Peter Stein 112.243 -  David Tzur

 

Textauszüge aus dem gleichnamigen Buch von
Christina Leber und Hans-Georg Meyer

Zu HTML-Dateien bearbeitet von
Michael Parciak.

Das vollstänige Buch ist erschienen im
Verlag H. Schmidt, Mainz 1992 ISBN 3-87439-229-5

 

I N H A L T :

 

 

 

     

    Vorwort

    David Tzur, ein israelischer Maler, Zeichner, Therapeut, Gatte, Vater und Großvater, Holoucaust-Überlebender, Menschenfreund.
    Er kannte mich nicht und lud mich zum Tee ein. Sagte mir, er sei "drei Viertel Israeli, zu einem Viertel Ungar und ein halbes Kilo Zigeuner".

    Mit vierzehn Jahren schleppten die Nazis ihn nach Auschwitz-Birkenau, Dachau und andere Konzentrationslager. Nach der Befreiung ging er nach Ungarn, flüchtete 1949 nach Israel, arbeitete in verschiedenene Berufen, ging 1959 in Tel Aviv zur Zeichenlehrerschule und wurde Maler.

    David Tzur, als er geboren wurde hieß er Peter Stein, hatte Erfolge in den USA, Australien, Holland und Deutschland. Er liebt Kinder, redet und spielt mit ihnen, manchmal kommen Schulklassen in seine Ausstellungen, dann erzählt und erklärt er.

    David haßt keine Deutschen, ist für das Gespräch, die Verständigung. "Mit den Palästinensern muß eine Verständigung möglich sein", meint David. Ungerechtigkeit regt ihn auf, Mozart und Beethoven beeruhigen ihn. Max Ernst ist sein Vorbild.

    David Tzur bemalt Feuersteine, zeichnet mit Feder und Tusche, aquarelliert mit links, aber zeichtnet mit rechts und ist überzeugt, "es gibt keine Lüge zwischen Schwarz und Weiß", über ihn zu schreiben, über ihn zu lesen - eine Aufgabe für mich.

                                Hans-Georg Meyer

     

    Veröffentlichungen:

    David Tzur - Ein Magier der Feder, 1986
    Es darf kein Efeu darüber wachsen, 1991
    Die Jüdische Bevölkerungsentwicklung in Ingelheim 1364-1950, 1991

    Christa Leber / Hans-Georg Meyer
    Peter Stein 112.243 David Tzur, 1992

    Verlag H.Schmidt, Mainz 1992

     

     

    Vorbemerkung

    Es sind schon viele Bücher über Künstler geschrieben worden. Wenn ich mich entschlossen habe, über den ungarischen Israeli David Tzur zu schreiben, so hat das mehrere Gründe.

    Erstens halte ich persönlich David für einen wirklich hervorragenden, von der Natur begünstigten und begnadeten Künstler. Ein Maler, ja, aber er ist auch Therapeut für sich und seine Umwelt, er ist wie ein Magier, ein Märchenerzähler und manchmal auch ein wenig Hofnarr im wohlverstandenen Sinne.

    Zweitens ist er ein überlebender der Shoa.
    Elf Monate in Auschwitz Birkenau, Dachau, Kaufering IV und IX, Mühldorf, im Waldlager V und im Teillager Riederloh, diese Zeit hat den damals 14jährigen geprägt. Als Mensch und als Künstler.

    Deutsche sind an dieser Prägung in negativster Weise beteiligt gewesen. Diese schlichte Wahrheit versuchen wir jedoch oft genug zu verdrängen.

    Natürlich ist es nicht schön, daran erinnert zu werden, daß in Israel noch mehr als 250 000 überlebende der Shoa leben und kranken. Noch immer leiden viele unter Schlafstörungen, schrecklichen Alpträumen, Depressionen, extremer Nervösität und andauernden psychosomatischen Krankheiten.

    David Tzur ist einer von diesen über 250 000 Menschen. Man merkt es nicht, bis man die Nummer 112.243 (gesprochen: hundertzwölf zweihundertdreiundvierzig) erkennt, eintätowiert auf dem linken Unterarm. Er selbst redete bis vor drei Jahren nicht oder nur sehr wenig darüber.

    Erst durch unsere unzähligen Gespräche seit 1989 war er gezwungen, sich selbst erneut zurückzuden ken. Das war nicht immer einfach, und manchmal schien es bei unserer Arbeit, als würde ich dieses Buch nie schreiben können. Es gab Perioden, in de nen es nicht möglich war, über einen längeren Zeitraum mit David über die Vergangenheit zu reden.

    Und sicher habe ich ihn oft durch meine unüberlegte Fragestellung verletzt, Wunden aufgerissen, die nie verheilt waren. Um so dankbarer bin ich, daß David selbst nie den Dialog aufgekündigt hat. Nein, ich denke, wir haben näher zueinander gefunden als es sonst je hätte der Fall sein können.

    Der dritte Grund, gerade über ihn zu schreiben, war der, daß er nie über die Deutschen schlecht gesprochen hat. Im Gegenteil.

    Ich erinnere mich an ein Gespräch mit dem Redaktionsleiter der Allgemeinen Zeitung lngelheim, Günter F. Hattemer, im Januar 1986, bei dem David auf eine entsprechende Frage feststellte:

    "Auf der einen Seite glaubt ihr, man solle endlich vergessen und verzeihen, auf der anderen Seite müßt ihr immer wieder nachbohren." Günter F. Hattemer schrieb im Anschluß an dieses Gespräch damals in einem Artikel:

    "Wichtig ist ihm nicht die Vergangenheit, sondern die Gegenwart, seine Kunst."

    Viele von uns, besonders aber die jungen Leute in Deutschland, lehnen jede Art von Schuld oder besonderer Verantwortung gegenüber jenen ab, die im Namen der Deutschen viel Leid ertragen mußten. Sie können es nicht für ihr eigenes Handeln.

    Um zu begreifen, wo hin Opportunismus in der Politik führen kann, ist es wichtig, die Geschichte des eigenen Volkes zu kennen.

    Um zu erträglichen Beziehungen zwischen Israelis und Deutschen zu kommen, braucht es viele junge Menschen, die die Vergangenheit akzeptieren, ohne sich jeden Tag Vorwürfe zu machen, und die trotzdem neue Wege der Verständigung suchen.

    Und es braucht Israelis wie David Tzur, die Opfer waren und trotzdem den jungen Deutschen keine Vorwürfe ma chen und anerkennen, daß die nach dem Krieg Geborenen keine Täter sein können und wollen.

    Die nun entstandenen Texte waren so eigentlich nicht geplant. Ursprünglich wollte ich meine Ein drücke, Gefühle, meine Gedanken zu David Tzur, seinem Wesen, seiner Menschlichkeit, seiner so sehreigenen und wie ich meine, ungewöhnlichen, positiven Kommunikation mit sehr unterschiedlichen Menschen, vorstellen, beschreiben, dem Leser vermitteln. Doch nach all den Gesprächen und der sich immer mehr öffnenden Lebensproblematik von David erschien mir dies lächerlich, gemessen an der Biografie meines Freundes. David selbst hat sehr viel mehr mitzuteilen, zu erzähIen.

    Der Schwerpunkt des Textes wurde immer mehr die Erzählung von David Tzur über David Tzur. Kein Nachteil, wie ich meine. Wir lernen das Menschenkind David aus seiner eigenen Sicht kennen, begreifen einen Teil seiner Lebensphilosophie, und der Leser kann ihm so sehr nahe kommen.

    Doch dies alles wäre Theorie geblieben, hätten nicht viele geholfen, dieses Buch Wirklichkeit werden zu lassen. Ich danke Christina Leber, die den künstIerischen Teil des Buches über David Tzur geschrieben hat, dem Verleger für seine verständnisvolle Begleitung des Projektes, all denen, die mitgeholfen haben, daß diese Initiative nicht am Geldmangel scheitert.

    An erster Stelle ist hier die Sparkasse Mainz mit ihrem engagierten Vorstandsvorsitzenden Dieter Book und Abt.-Direktor Klaus Benzel zu nennen. Meiner Frau Petra danke ich sehr für die kritische Begleitung meiner Arbeit und für das Engagement in den vielen Gesprächen und Diskussionen über FormuIierungen und Deutungen, die ich im vorliegenden Text verwendet habe. Ohne ihren Rat hätte ich sicher manches anders formuliert, erklärt, geschrieben. Es wäre nicht besser geworden.

    Zu danken habe ich auch all jenen Freunden und Freundinnen von David Tzur aus den USA, Frankreich, Holland, der Schweiz und in DeutschIand, die mir geschrieben haben. Es hat geholfen, das Bild des David Tzur zu ergänzen. Leider können nicht alle zu Wort kommen, es würde den Rahmen sprengen. Dafür entschuldige ich mich.

    Ich möchte nicht meinen Freund Michael Sternheimer und dessen Ehefrau Tamar vergessen, die oft und zu allen (un)möglichen Zeiten als Dolmetscher und Übersetzer geholfen haben. Abschließend danke ich natürlich David Tzur selbst, für seine unendlich scheinende Geduld, sein Verständnis für meine manchmal gezeigte Ungeduld. Einbeziehen will und muß ich an dieser Stelle die Familie von David. Ich bin besonders seiner Frau Mötuka und seiner jüngsten Tochter Liat dankbar dafür, daß sie mir für Gespräche zur Verfügung gestanden haben.

    Dieses Buch wird auch für die Familie von David von Interesse sein. Sie werden Einzelheiten über seine Vergangenheit, über den Vater, Schwiegervater und Großvater erfahren.

    Die Enkeltöchter werden einsehen, daß die Nummer auf dem linken Unterarm ihres Großvaters eben keine Telefonnummer ist, so wie es der Opa bis heute auf Fragen immer erklärt hat. Die Familie kann nachlesen, wie ein Deutscher und eine Deutsche den Menschen und Künstler David Tzur sehen, ihn beurteilen, beschreiben. Wenn dieses Buch ein schmaler Steg sein kann auf dem Weg zu einem besseren Miteinander, so dient es einem guten Zweck. Lange habe ich überlegt, ob ich aus meiner Sicht detailliert auf bestimmte Fragen des Hitler-Faschismus eingehen soll. Ich habe mich dagegen entschieden.

    Auch habe ich nicht zu Einzelheiten der Lager in denen David Tzur war, Stellung genommen oder gar Erläuterungen gegeben.Wer dazu mehr Informationen haben will, kann in der Fachliteratur genügend finden.

     

     

     

    Tabellarischer Lebenslauf

    26. April 1930 In Budapest geboren

    Juni 1944 bis Mai 1945 Aufenthalt in den Konzentrationslagern:
    Auschwitz-Birkenau, Dachau, Kaufering IX, Kaufbeuren, Mühldorf

    12. Mai 1949 Flucht nach Israel

    1952 Heirat

    1951-1961 Studium an der Zeichenlehrerakademie in Tel Aviv

    bis 1972 Arbeit u. a. als Stahlarbeiter, Sportlehrer, Erzieher

    ab 1972 Profimaler, über 30 große Ausstellungen,
    mehrere Privatausstellungen, u. a.: in Australien, Deutschland, Holland, USA

    Ausstellungsorte:

    Haifa, Zihron Yaakov, Tel Aviv, Beer Sheva, Einat, Tivon, Amsterdam, CapeTown, Mount Vernon, New York, Atlantic City, Danbury, Denver, Glencoe, Montreal, Ottawa, St. Paul, Melbourn, Ter Appel, Bossom, Gegenbach, Achern, Strassbourg, Münstereifel, Nördlingen, Haan Gruiten, Schwäbisch Hall, Spendlingen, Mannheim, Kiel, Ingelheim, Wolfrartsweiler, Hofgeismar, Alzey, Wiesbaden, Braunschweig, Baden-Baden

 

 

 



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