Wer die Adresse "www.dino-online.de" in seinen netztauglichen Computer eingibt, erhält eine Übersicht über deutsche Universitäten, Fachhochschulen und Berufsakademien. Wer allerdings nach konkreten Möglichkeiten sucht, via Datennetz neue Kenntnisse und Kompetenzen zu erwerben, wird weniger reich beschert. Noch liegt der Schwerpunkt der universitären Lehr-Lernunktion des Internets darin, Wissen zu archivieren und Adressen zu vermitteln.
An Visionen mangelt es nicht, wenn man auf das Thema Multimedia, Datennetze und virtuelle Welten in der Hochschule zu sprechen kommt. Die potentiellen Vorteile der neuen Medien für Studium, Lehre und Forschung liegen auf der Hand: Studierende, die in einer elektronischen Bibliothek ohne zermürbendes Suchen und Warten an die notwendige Studienliteratur kommen, sparen Zeit und Kraft und leisten damit gar einen Beitrag zur Studienzeitverkürzung. Dozenten, die über das Internet ein virtuelles Seminar anbieten, überwinden leidige Raumprobleme und ermöglichen den Studierenden eine Flexibilisierung im Stundenplan. Forscher, die e-mail oder Computerkonferenzen zum wissenschaftlichen Austausch nutzen, brauchen sich über die Schwerfälligkeit bei neuen Publikationen nicht mehr zu ärgern.
Die Liste der Vorzüge ließe sich fortsetzen. Flexibilisierung des Lehrens und Lernens, Raum und Kostenersparnisse, Effizienzsteigerungen, Überwindung zeitlicher, geographischer und sozialer Barrieren und das alles mit den neuen Medien: Es klingt paradiesisch.
Warum, so muß man sich fragen, ist dann aber die Realität an unseren Hochschulen alles andere als paradiesisch? Zum einen, weil das technisch Machbare eben noch lange nicht das technisch Realisierte ist. Netzanschluß und eine Handvoll Multimediasysteme machen aus einer Universität noch keine digitale Wissenschaftswelt. Zum anderen, weil die euphorisch klingenden Versprechungen nicht die ganze Wahrheit sind.
Man muß nicht gleich ins Gegenteil abdriften und das Internet zum elektronischen Trampelpfad voller Tücken und Hindernissen abstempeln, aber man sollte bei allen Vorzügen der neuen Medien die Risiken und Schwächen nicht ignorieren. Anonymität und Überforderung sind nur die augenfälligsten Probleme, die eine Verlagerung des Lehrens, Lernens und Forschens in virtuelle Realitäten mit sich bringen. Auch die Qualitätssicherung in der Forschung wird problematisch, wenn es bei der derzeitigen Konzepflosigkeit im Umgang mit den neuen Kommunikationstechnologien bleibt. Eine weitere, bislang noch wenig bedachte Gefahr besteht im Kreativitätsverlust: Mit dem Druck zur umfassenden Datensichtung vor dem eigenen Denken dürfte der Mut zur Entwicklung kreativer Ideen eher sinken als steigen.
Konzeptionelle Maßnahmen zum Wissensmanagement mit neuen Technologien sind angesichts solcher ungeklärten Fragen für die Hochschulen dringend erforderlich. Wie dringend, das zeigt etwa die neueste Empfehlung der Hochschul-
Rektoren-Konferenz (HRK), in der der rasche Ausbau von Hochgeschwindigkeits-
Rechennetzen, Tranzparenz über die vorhandene Lehr-Sofftware und eine konsequente Unterstützung der Gestaltung und Nutzung neuer Medien in den Hochschulen gefordert wird.
Immerhin, einige Vorzeigeprojekte weisen in die richtige Richtung: Unter dem Label "Bayern Online Offensive Zukunft Bayern" startete der Freistaat vor zwei Jahren eine breit angelegte Initiative, in der das Hochgeschwindigkeitsnetz zwischen Universitäten, Fachhochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen eine tragende Rolle spielt. Unter der Idee "Virtuelle Universität" arbeiten Wissenschaffler, etwa an der FU und TU Berlin , der Fachhochschule Brandenburg, der Hochschule für Film und Fernsehen in Babelsberg und der Fernuniversität Hagen, an multimedialen Curricula. Die Partneruniversitäten Mannheim und Heidelberg ebenso wie die Partneruniversitäten Nümberg und Erlangen tauschen bereits Lehrveranstaltungen per Audiound Videoverbindung online untereinander aus und stellen virtuelle Klassenzimmer zur Verfügung. Aus beachtenswerten Initiativen dieser Art aber auf eine flächendeckende Nutzung der neuen Medien in den Hochschulen und auf gesichertes Know How im Umgang mit den damit verbundenen Informationsfluten zu schließen, wäre mehr als verfrüht.
Es mag paradox klingen, aber was das Wissensmanagement betrifft, so ist trotz Wissensexplosion ein eklatanter Mangel an fundiertem Wissen zu beklagen. Die wissenschaftliche Forschung hat sich bislang nur wenig um die Frage gekümmert, was angesichts der explodierenden Wissensmengen geschieht und mit welchen gesellschafflichen Folgen diese Entwicklung verbunden ist. In einer Welt wachsender Probleme brauchen wir Wissenschaftler, die die Grenzen von Fächern und Disziplinen überschreiten.
Multidisziplinarität muß auch das Schlüsselwort heißen, wenn wir den Umgang mit Information sowie die Entwicklung und Nutzung von Wissen begreifen und optimieren wollen. Dazu brauchen wir fachspezifische Perspektiven, deren Erkenntnisse als komplementäre Facetten des Wissensmanagements zu begreifen sind. Eine Verschmelzung wissenschaftlicher Disziplinen ist damit keineswegs verbunden.
Wissensvernetzung
Was zunächst noch abstrakt klingt, könnte bald ganz konkret nahezu alle Hochschulfächer betreffen. Etwa so: Die Psychologie liefert Wissen
über Wissenserwerb, Lernen, Motivation und Entwicklung. Die Empirische Pädagogik trägt ihre Erkenntnisse und Erfahrungen zu anwendungsbezogenen Fragen der Vermittlung von Information und Wissen bei. Disziplinen wie Soziologie, Philosophie und Politologie beschäftigen sich mit den gesellschaftlichen Fragen des Wissensmanagements. Informatik und Kommunikationsswissenschaft stehen an erster Stelle, wenn es um die Nutzung der neuen Informationsund Kommunikationstechnologien geht. Angesichts der weitreichenden ökonomischen Dimensionen des Umgangs mit Information und Wissen ist eine aktive Beteiligung der Volksund Betriebswirtschaft selbstverständlich.
Dieses Szenario einer fakultätsübergreifenden Erforschung des Wissensmanagements findet in den neuen Medien eine einmalige Ergänzung: Die Zusammenarbeit verschiedener Fakultäten bedingt eine besonders hohe Frequenz und Intensität des gegenseitigen Austausches. Das führt zwangsläufig zu räumlichen, zeiflichen und anderen organisatorischen Problemen, die mit den neuen Medien gut in den Griff zu bekommen sind.
Aber: Wissensmanagement darf sich nicht zu einer neuen universitären Insel entwickeln. Wir brauchen ein multidisziplinäres, innovatives Feld, in dem mit und für verschiedene Anwendungsbereiche kreative und gleichzeitig grundlanenorientierte und verantwortungsbewußte Forschung betrieben wird. Professionelles Wissensmanagement erfordert Fachleute, Wissensmanager also mit solider universitärer Ausbildung. Kompetenzprofile dafür gibt es derzeit noch nicht; um so wichtiger ist die Formulierung erster Ideen: Wissensmanager sollten auf fundiertes fachliches Wissen aus einem abgeschlossenen Hochschulstudium zurückgreifen können. Über ihre Fachkompetenz hinaus brauchen Wissensmanager effiziente und verantwortungsbewußte Strategien, mit denen sie Information und Wissen aus verschiedensten Domänen bewerten, auswählen und für spezifische Zielgruppen und Zwecke strukturieren und aufbereiten können. Daß dabei Handhabung und Gestaltung neuer Medien eine ganz wesentliche Rolle spielen, liegt auf der Hand. Technisches Wissen und Können sowie kommunikative Kompetenzen gehören zum unabdingbaren Rüstzeug eines Wissensmanagers. Der Transfer von Wissen in die Öffentlichkeit und die ethisch vertretbare Nutzung von Information und Wissen in den Anwendungsfeldern setzen bei einem Wissensmanager psychologische, soziologische, politische und ökonomische Grundkenntnisse und eine ethische Grundhaltung voraus.
Wissensmanagement als Forschungsgegenstand und Wissensmanager als Ausbildungziel. 'Das mag noch nach Zukunftsmusik klingen. Doch erste Schritte sind schon getan, wenn etwa in der Fakultät für Psychologie und Pädagogik der Universität München Wissensmanagement als Thema einer Ringvorlesung geplant und Kern eines neuen Forschungsund Ausbildungsschwerpunkts sein soll. Wissensmanagement mit neuen Technologien das bedeutet für die Hochschulen, über neue Werkzeuge zu verfügen, das bedeutet für die Forschung, sich multidisziplinär einem neuen Gegenstand zu widmen, und für die Ausbildung, einen neuen Berufsstand zu entwickeln.