Ein Kind auf dem Weg zur Schule: Begeistert betritt es das Schulgelände, geht ins Klassenzimmer und setzt sich vor den PC, Ein Blick in die Mailbox: "Super! Anne aus Sydney hat mir geschrieben!" Der Lehrer kommt herein und sagt: "Bitte legt die Mathe-CD-ROM ein. Heute lernen wir den Dreisatz," Das interaktive Programm führt die Schüler durch die mathematischen Regeln. Jeder klickt sich durch die CD-ROM immer erst dann eine Seite weiter, wenn die Inhalte der letzten verstanden worden sind. Auf dem Heimweg freut sich das Kind, zu Hause wieder ein paar neue Englisch-Wörter am Computer zu lernen; die e-mails von Anne aus Sydney werden dann leichter zu verstehen sein.
Diese Vision des Lernens lobt die Computerund Kommunikationstechnik als lernfördernde Medien. Ihre zentralen Argumente sind selbstbestimmtes Lernen in individueller Geschwindigkeit, weltweite Kommunikation und globaler Wissenstransfer. Wie Computer, CD-ROM und Internet funktionieren, lernen schon die Grundschulkinder. Später im Berufsleben werden sie diese Kenntnisse benötigen, argumentieren Befürworter der neuen Medien. Nicholas Negroponte, Experte auf dem Gebiet der Kommunikationstechnik, gehört zu ihnen: "Schulen werden sich zu einer Kombination aus Museum und Spielplatz entwickeln, in der Kinder sich treffen, um ihre Ideen zu sammeln und mit anderen Kindern auf der ganzen Welt in Kontakt zu treten. "
Selbstverständlich werden auch Stimmen gegen die Computerisierung und Vernetzung der Klassenzimmer laut. Denn die Übergänge zwischen realen und medialen Erfahrungen werden fließend. Die Medienwelt liefert in scheinbarer Perfektion, was dem wirklichen Leben erst abgenommen werden müßte, und läßt so die Realität zum Teil als reizlos erscheinen. Werden Schulen auch in Zukunft noch demokratisches, soziales und zivilisiertes Verhalten vermitteln? Kultusminister Hans Zehetmair warnt: "Eine Informationsgesellschaft kann ohne ein Fundament allgemeingültigerWerte nicht existieren." Es gehe darum, Kinder und Jugendliche zu Medienmündigkeit im Rahmen einer Ganzheitlichen Erziehung zu führen.
Unbestreitbare Tatsache ist, daß die Medien Miterzieher der Kinder geworden sind. Gerade deswegen muß besonderer Wert darauf gelegt werden, daß die Medien einen sinnvollen Einzug in die Klassenzimmer halten. Der Umgang mit der Technologie als einziges pädagogisches Ziel ist zu wenig.
Medienkompetent sein heißt, eine Selektion und Gewichtung der Information vornehmen zu können. Medienerziehung in der Schule sollte aus den Kindern kritikfähige Menschen machen, die im Umgang mit den Medien Grenzen erkennen. Pädagogische Konzepte und Pläne für die Integration der Medienpädagogik in die Lehrpläne fehlen allerdings leider noch zu oft. Hinzu kommt außerdem, daß die Fortbildung und Qualifikation der Lehrer vernachlässigt wird. Sie findet punktuell und meist nur auf Eigeninitiative statt.
Neben den Schulen sollten aber Eltern, Kindergärten und die Anbieter von Lernsoftware ebenso in die Verantwortung genommen werden. Auch in der außerschulischen Jugendarbeit gibt es ausreichend Handlungsmöglichkeiten: Aktivitäten, wie Medienerziehung im Sinne jon Prävention, politischer Bildung und kreativem Ausdruck tragen zur Bildung von Medienkompetenz bei.