These 1: Der Bedarf an Arbeitskräften zur Erzeugung eines gleichbleibenden oder weiterhin leicht wachsenden Gütervolumens wird weiter abnehmen. Nichts spricht dafür, daß sich die Tendenz zur fortschreitenden Tertiarisierung in absehbarer Zukunft umkehren sollte.
These 2: Die Schwerpunkte der Personalreduzierung werden eher im Büro als in der Werkstatt, eher bei den Angestellten als bei den Arbeitern liegen. Die Schaffung kleinerer, selbstverantwortlicher operativer Einheiten gemäß den Konzepten der "Fabrik in der Fabrik", der "modillaren" oder "fraktalen" Organisation bedeutet ja vor allem, daß zahlreiche Funktionen, die in der Vergangenheit auf spezialisierte "Struktur"-Dienste konzentriert wurden, wieder in die Werkstatt oder vergleichbare Organisationseinheiten zurückverlagert werden.
These 3: Der Bedarf an einfachen, wenig qualifizierten Leistungen wird weiterhin abnehmen. Die mit industrieller Produktionsarbeit nach wie vor verbundenen Belastungen allerdings werden zunehmende Probleme aufwerfen und die Akzeptanz von Industriearbeit - unabhängig von der Höhe der geforderten Qualifikation - sehr negativ beeinflussen.
These 4: Der Bedarf an technischem Wissen wird an tendenziell allen Arbeitsplätzen zunehmen. Kleine, schlagkräffige, eigenverantwortliche und flexibel agierende Organisationseinheiten in Produktion, Service und technischen Diensten setzen bei allen Beschäftigten ein recht hohes Mindestmaß an fachlicher Gemeinsamkeit, an gleichmäßig verteiltem Wissen, auf das jeder sofort zurückgreifen kann, an Gemeinsamkeiten der Sprache und zumindest an Ähnlichkeiten der Eriahrungen voraus.
These 5: Die Bedeutung von "Erfahrungswissen" wird deutlich zunehmen. Dieser entscheidende Faktor hoher Anlagenverfügbarkeit und verläßlich hoher Produktqualität rückt immer mehr ins Zentrum der in der industriellen Produktion künftig benötigten Qualifikation. "Erfahrungswissen" kann nur in der Praxis ausgebildet werden. Eigene Tätigkeit, eigenes Erleben sind jedoch durch die zunehmende Distanz, ja Abschottung der Arbeitenden vom technischen Prozeß immer stärker eingeschränkt.
These 6: Anforderungen an die "Arbeitsmarktgängigkeit" der Qualifikationen wachsen. Weil "interne Qualifizierung" immer weniger praktizierbar wird, müssen Industrieunternehmen wieder stärker den externen Arbeitsmarkt nutzen. Das setzt voraus, daß die sich anbietenden Fachkräfte in ihrer Ausbildung und ihrer bisherigen beruflichen Praxis Qualifikationsprofile erworben haben müssen, die Einsatz- und Leistungsfähigkeit in wechselnden betrieblichen Strukturen und Aufgabenfeldern sicherstellen und daß sie dies mit Hilfe klar definierter und in ihrem Wert bekannter oder nachprüfbarer Zertifikate (Hochschulzeugnis, Facharbeiterbrief und ähnliches) zuverlässig nachweisen können.
Gefährlicher Gegensatz
Es ist offenkundig eine Aufgabe von hoher Dringlichkeit, die noch vorhandenen Elemente und Strukturen "arbeitsmarktgängiger" industrieller Qualifikationen zu bewahren, soweit sie bedroht sind, und ihre schrittweise Überleitung in stabile Verhältnisse einzuleiten.Seit längerer Zeit sind im gesellschaftlichen Umfeld industrieller Produktion sehr mächtige Tendenzen wirksam, unter deren Einfluß sich das Angebot an industriellen Arbeitskräften in eine Richtung entwickeln wird, die in offenem Gegensatz zur voraussichtlichen Entwicklung des Bedarfs steht. Wird dieser Gegensatz nicht überwunden, so würde die deutsche Industrie nicht nur ihre frühere, durch mutige Innovationen wie die industrielle Lehrlingsausbildung oder die in Ingenieurschulen erworbene privilegierte Stellung im Wettbewerb um die aktivsten und intelligentesten Nachwuchskräfte definitiv einbüßen. Sie würde damit vor allem eine strategische Ressource verlieren, der sie einen Gutteil ihrer bisherigen Stärke verdankt; und sehr vieles spricht dafür, daß die Bedeutung dieser Ressource in Zukunft nicht abnehmen, sondern weiter zunehmen wird.Wenn sich Eltern und Heranwachsende über die Berufs- und Lebenschancen informieren wollen, die mit bestimmten Bildungs- und Ausbildungsgängen verbunden sind, so lassen die meisten und eindeutigsten Daten nach wie vor einen langen Verbleib im Bildungssystem, den Besuch weiterführendet Schulen und den Erwerb eines herausgehobenen, möglichst akademischen Abschlusses als rationellste Strategie erscheinen. Deshalb ist auf absehbare Zeit nicht damit zu rechnen, daß sich das Bildungs- und Berufswahlverhalten größerer Bevöikerungsgruppen im Sinne einer massiven Rückkehr zur herkömmlichen Facharbeiterausbildung verändern wird.Etwas anders ist die Lage bei den Beschäftigetn einzuschätzen. Von ihnen sollte gemäß den Gesetzen der Markwirtschaft erwartet werden, daß sie von sich aus und aus eigenem Interesse das Notwendige unternehmen. Vorrangiges Ziel muß es sein, durch eine von starkem Konsens getragene Kombination von Innovationen in Arbeits- und Unternehmensorganisation, in Fertigungs- und Kommunikationstechnik, in der Personalwirtschaft und Arbeitsmarktpolitik und insbesondere im Bildungssystem die Voraussetzungen dafür zu schaffen, daß auch in Zukunft intelligente junge Menschen freiwillig bereit sind, einen nennenswerten Teil ihres Berufslebens mit qualifizierter Produktionsarbeit zu verbringen.Dies kann nicht mehr mit Hilfe der herkömmlicheh Formen der Rekrutierung, der Ausbildung und des betrieblichen Einsatzes von Facharbeitern geschehen. Anzuvisieren ist vielmehr ein ganz neuer Typus industrieller Arbeitskraft, der wesentliche Merkmale des heutigen Facharbeiters - vor allem seine Fähigkeit zu Kooperation und zum Aufbau reichhaltigen Erfahrungswissens - mit technischem Wissen und technischen Kompetenzen kombiniert, die heute als ingenieurtypisch gelten.
Dieser neue "Facharbeiter-Ingenieur" ist mit der traditionellen Stellung qualifizierter Produktionsarbeit in der Industrie und ihrer deuflichen Unterbewertung gegenüber sogenannter "geistiger" Arbeit in den Büros unvereinbar. Für ihn lassen sich zumindest durchschnittlich begabte
und ehrgeizige Nachwuchskräfte nur dann in ausreichender Zahl gewinnen, wenn sichtbare Vorteile gegenüber jenen Berufspositionen gesichert sind, die traditionell mit "höherer Bildung" verbunden waren. Die notwendigen Veränderungen in den - ja zum Gutteil tariflich seit langem festgeschriebenen - Verdienststrukturen, Arbeitsbedingungen und Aufstiegsmustern können nur zustande kommen, wenn sich ein breiter Konsens gebildet hat, der ohne aktive Beteiligung der Politik schwer vorstellbar ist.
Drastische Maßnahmen
Für die zu diesem neuen gualifikationstyp führenden Bildungs- und Ausbildungswege ist heute im Bildungssystem aller großen Industrienationen kein Platz. Dabei besteht das Schlüsselproblem in einem ganz neu zu definierenden Gleichgewicht von Wissen und Praxis. Alle vorstellbaren Lösungen setzen deshalb einigermaßen drastische Maßnahmen expliziter positiver Diskriminierung des Erwerbs von praktisaher Erfahrung außerhalb schulischer Kontexte gegenüber bloßem schulischen Lernen voraus. Diese Maßnahmen müssen, um zureichende Signale für Eltern und Jugendliche auszulösen, spektakulären Charakter tragen; und sie implizieren erhebliche Umverteilungen innerhalb des Bildungsbudgets. Dies kann nur - und zwar als eine hochrangige Aufgabe - durch mutige und weitsichtige Politik geleistet werden.Freilich sind alle hier nur angedeuteten Strategien einerseits mit sofortigen und spürbaren Eingriffen in seit langem bestehende Strukturen und die in sie eingelagerten Interessen verbunden; sie bedürfen andererseits eines sehr langen zeitlichen Vorlaufs, bevor sie nennenswerte Wirkungen entfalten. Deshalb ist zu befürchten, daß die Politik vor allen wirklich zukunftsweisenden Entscheidungen zurückschreckt und daß die Unternehmen, wenn sie unter akuten Handlungsdruck geraten, den Ausweg vermehrten Einsatzes von Hoch- und Fachhochschulabgängern beschreiten, der kurzfristig Entlastung bringt, aber alle langfristigen Lösungen blockiert. Das Risiko ist hoch, daß sich Marktversagen mit Politikversagen kombiniert.
Prof. Dr. Burkart Lutz, Industrie- und Bildungssoziologe, ist Sprecher des Expertenkreises "Zukunftsstrattegien" beim Bundesministerium und Mitherausgeber des Buches
"Produzieren im 21. Jahrhundert - Herausforderung für die deutsche Industrie".