Angeblich war es van Gogh zu Lebzeiten nicht gelungen, auch nur eines seiner Bilder an einen zahlenden Kunden zu verkaufen. Er lebte vielmehr in erster Linie von den finanziellen Zuwendungen seines wirtschaftlich erfolgreicheren Bruders. War van Goghs Arbeit wertlos, nur weil er niemand gefunden hatte, der ihm für seine Arbeit Geld gab? Ist die Arbeit und das Schaffen eines Junkbond-Dealers wertvoller? Ist eine alleinerziehende Mutter ohne Job "arbeitslos", würde eine feste Anstellung ihrem Leben neben einem festen Einkommen auch mehr Inhalt geben? Wo steht geschrieben, daß er dieser Mutter oder der Gesellschaft besser geht, wenn ihr Kind in eine Kindertagesstätte kommt und die Mutter eine schlecht bezahlte Stelle annimmt? Nur die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung kann diesen Vorgang uneingeschränkt als Positivum verbuchen, weil es zu dem so hoch geschätzten Wirtschaftswachstum gekommen ist. Aber wird unser Wohlstand wirklich durch das Inlandsprodukt oder eine andere statistische Größe hinreichend gemessen?
Nur noch ein Knopfdruck
Wir entwickeln uns zunehmend zu einer Art Sklavenhaltergesellschaft hin, aber mit dem Unterschied zu früher, daß zukünftig die Sklaven, von deren Arbeit wir leben, Gott sei Dank keine Menschen sind, sondern Maschinen. Das bedeutet jedoch auch, daß wir als postindustrielle Gesellschafl einen Weg finden müssen, die Ergebnisse dieser maschinellen Sklavenarbeit auf uns aufzuteilen. Folgendes Szenario soll das Problem von Arbeit und Arbeitslosigkeit besser veranschaulichen. Es soll angenommen werden, die gesamte Produktion ist automatisiert, alle Arbeiten werden von Robotern verrichtet, menschliche Arbeit wird nicht mehr benötigt. Mit einer kleinen Ausnahme: Aus technischen Gründen ist es immer noch notwendig, daß jeden Tag aufs neue von einem bestimmten Menschen ein Knopf gädrückt wird, um den ganzen Produktionsprozeß in Gang zu setzen. In dieser Volkswirtschaft stellen sich dann folgende Fragen: Wer produziert was? Wer muß wie enflohnt werden? Sind alle bis auf einen, nämlich den "Knopfdrücker", arbeitslos? Oder sollten die anderen, die "Arbeitslosen", auch einen Knopf bekommen, auf den sie drücken und so durch "Arbeit" ein eigenes Einkommen erzielen? Und was bedeuten in diesem Fall "Arbeit" und "Arbeitslosigkeit" überhaupt?
Das Produktionsergebnis kann weder denen gehören, welche Maschinen besitzen noch demjenigen, der den "letzten Knopf" drückt. Noch ist dieser Zustand in keiner Volkswirtschaft erreicht, er wird in dieser Konsequenz wahrscheinlich auch nie erreicht werden. Es hat sich aber als nützlich erwiesen, sich zu Analysezwecken extreme Situationen mit ihren extremen Konsequenzen vorzustellen, um dadurch die Auswirkungen einer bestimmten Entwicklung besonders deutlich zu erkennen. Eine wachsende Anzahl von Menschen habe feste, das heißt, bezahlte Rollen in unseren Produktionsprozessen. Unser ganzes marktwirtschaftliches System ist auf die wirtschaftliche Optimierung von Prozessen ausgerichtet, dabei werden teuere Produktonsfaktoren durch billigere ersetzt, das Ergebnis wird von der Wirtschaftswissenschaft euphemistisch als "optimale Allokation der Produktionsfaktoren" bezeichnet. Es sollte daher niemanden wundern, daß wegen dieses Mechanismus zunehmend weniger menschliche Arbeit in diesen Produktionsprozessen verwendet wird, somit die nicht mehr eingesetzten Menschen nach gängigem Verständnis und gängiger Definition dann "arbeitslos" sind. Aber menschliche Arbeit ist nicht nur ein Produktionsfaktor, das heißt, ein frei substituierbarer Teil in einem Produktionsprozeß, denn Arbeit verbraucht das kostbarste aller Güter, nämlich menschliche Lebenszeit.
Die Vorstellung von "Arbeitsplätzen", also einem Ort, der entsprechend ausgerüstet ist und von dem aus man arbeiten kann, stammt aus einer vergangenen Zeit und aus einer vergangenen Welt. Einen "Arbeitsplatz" kann man in einem Handwerksbetrieb oder in der Fertigung eines Industriebetriebs schaffen, auch im Büro, was man damit aber nicht schaffen kann, ist Arbeit. Arbeitslosigkeit als einen Mangel an "Arbeitsplätzen" anzusehen, hat vielleicht seine Ursache in den beruflichen Wurzeln vieler Volksvertreter/innen. Sie stammen sehr häufig aus dem Öffenflichen Dienst oder den Verbärnden und sind es daher gewohnt, in Kategorien wie "Stellen" und "Stellenplänen" zu denken, dort werden tatsächlich Arbeitsplätze per Erlaß als Stelle geschaffen.
Für einen Politiker, der heute immer auch ein interessenvertretender Berufspolitiker ist, ist eine politische Maßnahme in erster Linie dann interessant, wenn sie innerhalb einer Wahlperiode Auswirkungen zeigt und seine Chancen auf Wiederwahl erhöht. Politiker, die nicht so denken, scheiden zwangsläufig aus diesem System aus - eine Art politischer Darwinismus. Es werden daher die Maßnahmen beschlossen, welche dem simpelsten Gedankengang folgen und deshalb die breiteste öffentliche Zustimmung bekommen. Der ständige Blick auf die Ergebnisse von Meinungsumfragen hat zur Folge, daß kurzfiistigen Maßnahmen der Vorzug gegeben wird.
Sinnvolle Beschäftigung?
Es gibt zwei wesentliche Aspekte der Arbeit und der Arbeitslosigkeit, mit denen sich die postindustrielle Gesellschaft auseinandersetzen muß. Erstens muß man neu definieren, was in einer postindustriellen Gesellschaft unter "Arbeit" verstanden werden und welche Stelle sie in unserem Leben spielen soll. Dies gilt auch für das Phänomen der Arbeitslosigkeit. Diese wird im allgemeinen Sprachgebrauch damit gleichgesetzt, daß jemand kein bezahltes Arbeitsverhältnis mit einem Arbeitgeber hat, obwohl er gerne eines hätte. Es bedeutet implizit auch, daß der Arbeitslose keinen Boß gefunden hat,der ihm sagt, was er tun soIl und ihn dafür bezahlt, daß er es tut. Aber kann es wirklich unser Credo sein, daß jede Arbeit besser ist als keine, sei sie auch noch so stupide und noch so mühselig? Darf Arbeit als eine Art von Beschäftigungstherapie für Menschen konzipiert werden, die sonst mit ihrem Leben nichts Vernünftiges anzufangen wüßten? Wäre nicht unser Leben auch ohne solche Arbeiten sinnvoll? Ist es nicht letztlich ein zynisches Menschenbild, das solche Arbeit als "sinnspendend" anpreist?
Es ist der Zusammenprall von protestantischer Arbeitsethik und postindustrieller Überflußgesellschaft, der Arbeitslosigkeit, nicht aber Einkommenslosigkeit und schon gar nicht Aufgaben- oder Sinnlosigkeit als eine Katastrophe besonderer Art scheinen läßt. Es ist in diesem Umfeld nur schwer zu akzeptieren, daß es nicht notwendigerweise moralisch hochwertig oder sogar gottgefällig sein muß, sein Leben von 9 bis 17 Uhr als "Sachbearbeiter", "Verkäufer/in", "Fließbandarbeiter/in" oder ähnlichem zu verbringen, und daß andere Betätigungen während dieser Zeit die Gesellschaft auch nicht ärmer gemacht hätten, vielleicht aber reicher.
Kein Entrinnen
An dieser Stelle gelangt man bei den Überlegungen an einen Punkt, den sowohl Politiker als auch Wissenschaffter am liebsten nie erreicht hätten: Es wird deutlich, daß das Verständnis von Arbeit etwas mit dem "Sinn des Lebens" zu tun hat. Das ist aber genau die Frage, mit der sich beide Gruppen am liebsten nicht befassen würden. Für den Wissenschaffter ist die Ftage "unwissenschafftich", der Politiker erklärt sich für "nicht zuständig". Dennoch ist offensichtlich, daß sich beide Gruppen, zusammen mit anderen, mit diesen Fragen auseinander setzen müssen. Besonders die Wirtschaftswissenschaft scheut in weiten Bereichen keine Mühe, sich hinter umfangreichen, aber letztlich irrelevanten Modellanalysen zu verkriechen, nur um dieser Frage auszuweichen, vor der es jedoch kein Entrinnen gibt. Heutige Politiker/innen, Wissenschaftler/innen und andere "sozialrelevante Gruppen dürfen sich der notwendigen Diskussion über die Art unseres zukünftigen Lebens nicht entziehen.
Arbeit ist die primäre Quelle von Einkommen und deshalb Grundlage des Lebensunterhalts der meisten Menschen. Bis heute gilt allgemein der Satz: "Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen!" Die Arbeit des arbeitsfähigen Menschen war und ist die Grundlage seiner physischen Existenz, nur wenige können ohne eigene Arbeit leben, und dann auch nur, weil letztlich andere für sie arbeiten. Zwar benutzen die Menschen schon seit ewigen Zeiten Werkzeuge und später auch Maschinen, die ihnen ihre Arbeit erleichtern, aber im wesentlichen wurde das Ergebnis der Produktion stets durch den Einsatz menschlicher Arbeitskraft bestimmt und ihr daher auch zugerechnet. Der Schluß, daß wir auf Wirtschaftswachstum verzichten können; liegt zwar nahe, ist aber irrig. Tatsächlich werden wir für die Errichtung einer modernen Informationsgesellschaft große Investitionen tätigen müssen, aber diese werden.zunächst nur wenige neue "Arbeitsplätze" schaffen.
Die neuen Arbeitsformen werden die alte "Alles-oder- Nichts"-Konstellation auflösen, die Beschäffigung des arbeitenden Menschen wird ständig schwanken. Die neuen Produktionsweisen werden sehr viel größere Flexiblität von arbeitenden Menschen verlangen, dieses scheint unvermeidbar zu sein. Alte, starre Verhältnisse werden sich nicht retten lassen, auch wenn sie manchen lieb und vielen teuer geworden sind. Aufgabe des Staates und der Tarifparteien sollte es daher sein, diese Flexibilität in "geordneten" Bahnen herbeizuführen und diesem Übergang zum neuen Typus des selbstangestellten Teleworkers zu erleichtern.
"Im historischen Maßstab sind wir alle Teilzeitarbeiter" (Meinhard Miegel). Die zentrale Frage, die sich im Zusammenhang mit Arbeit und Arbeitslosigkeit stellt, ist, ob die Art der gegenwärtigen "Unterbeschäftigung" nicht für das postindustrielle Zeitalter typisch ist und ob wir nicht lernen müssen, unsere Gesellschafl daran anzupassen. Das gilt zum einen für die Einkommensverteilung, zum anderen auch für das gesamte System der sozialen Sicherheit in unserer Gesellschaft, das von den Arbeitseinkommen abhängig ist.
Die wichtigste wirtschaftswissenschaftliche und wirtschaftspolitische Aufgabe der Zukunft ist deshalb, den Kopplungsmechanismus zwischen Produktion und Distribution zu lockern und weiter aufzulösen. Um dieses zu erreichen, müssen Politik und Wissenschaft neue Wege gehen und dabei neue Türen öffnen. Öffnet man aber eine dieser Türen, sieht man dort die Geister klassischer Nationalökonomen und zum Entsetzen vieler auch ganz deutlich und in der vorderen Reihe den Geist von Karl Marx. Als Folge dieser unheimlichen Begegnung wird die soeben geöffnete Tür zu einem neuen Arbeitsverständnis sofort wieder zugeschlagen.
Ironie der Geschichte
Bei realistischer Betrachtung des Problems kommt man aber um die Einsicht kaum herum, daß die postindustrielle Welt sich auf eine neue Einkommensverteilung zu bewegen wird. Es ist deshalb eine der Ironien der Geschichte, daß gerade zu dem Zeitpunkt, wo die marxistisch- leninistischen Gesellschaftssysteme den Bankott erklärt haben, die marktwirtschafftichen, "kapitalistischen" Industrieländer ihrerseits erkennen, daß sie ihre Einkommensverteilungsmechanismen ändern müssen.
Die Tage einer primär marktwirtschaftlichen, an die Produktion gekoppelte Einkommensverteilung sind daher gezählt. Diese Aussage bedeutet aber keinesfalls, daß die Lösung der gegenwärtigen Probleme und damit das Heil der Zukunft in einer sozialistischen Planungs- und Kommandowirtschaft liegen wird, auch nicht eine Wiederbelebung marxistischer Gedankengebäude.
Die absehbare Zukunft wird in einem weiterentwickelten System "sozialer Markftwirtschaft" bestehen, mit Betonung auf beiden Wörtern.
Die klassischen Industrieländer, die der Welt die parlamentarische Demokratie und die marktwirtschaftlichen Produktions- und Verteilungsmechanismen beschert haben, stehen jetzt vor der Aufgabe, diese Modelle für eine postindustrielle Wirt- schaft weiter zu entwickeln. Dazu gehören nicht nur ständig neue betriebswirtschaftliche Konzepte und Managementstrategien, sondern auch die dazu passenden politischen Institutionen sowie wirt- schaftspolitische Modelle. Vielleicht liegt sogar in der Entwicklüng von modernen Organisationskonzepten und nicht nur in High- Tech und Grundlagenforschung ein wesentliches Betätigungsfeld postindustrieller Wirtschaften.
Was im postindustriellen Management schon keine Frage mehr ist, nämlich daß effizientes Management klarer ethischen Prinzipien bedarf, muß sich auch in der wirtschaftspolitischen Realität der Arbeits- und Einkommensverteilung durchsetzen. Es gibt hier wie dort keine naturgesetzlichen Mechanismen, sondern die zukünftige Entwicklung hängt von dem gewollten Konzept und den geschaffenen Institutionen ab. Es wird daher den Mitgliedern unserer Gesellschaft und besonders den politisch Verantwortlichen nicht erspart bleiben, sich mit der Vision einer zukünftigen Gesellschaft auseinanderzusetzen.
Peter Fischer